Hilda träumt - Tief gegraben und einen Schatz gehoben

Eine Zuschauerkritik zu "Sigurd" von Dr. Wolfgang Beesesig

Seit 2003 gibt es in der Oper Erfurt die Reihe "Ausgrabungen", in der (fast) vergessene Stücke zur Aufführung gebracht werden. Dazu gehört Mut. Zugegeben, einige davon wären besser begraben geblieben. Für die französische Oper "Sigurd" von Ernest Reyer gilt diese Feststellung ganz ausdrücklich nicht. 1884 in Brüssel uraufgeführt und nach einer Premiere in London, taucht die Oper in den Spielplänen bedeutender französischer Opernhäuser auf. In den letzten 50 Jahren allerdings nur noch sporadisch.

Am letzten Freitag gab es nun in Erfurt die deutsche Uraufführung. Sie wurde vom Publikum völlig zu recht gefeiert und bejubelt. Was war zu sehen? Ein Nibelungenstück ohne Drachen und Schatz, mit der Anmutung einer erzählten Geschichte, die für mich deutlich näher an Fritz Langs Nibelungenfilm ist, als an den einschlägigen Werken Richard Wagners. Eine faszinierende Bühne mit Bildern, die im 1945 zerstörten Worms beginnen und mit dem Hermannsdenkmal enden, wenn Sigurd und Brunehild zu Odin erhoben werden. Drei Stunden lang eine inspirierende Spielfläche für die Fantasiewelt der kriegstraumatisierten Hilda. Sie betrachtet die hochdramatischen Vorgänge und ist zugleich ein Teil davon.

In diesem Teil der Welt kann man kaum sozialisiert werden, ohne in der einen oder anderen Weise mit der Nibelungensage in Berührung zu kommen und eigene Bilder und Vorstellungen zu generieren. Nicht nur unter diesem Aspekt hat das Stück vor der Pause vermeidbare Längen. Nach der Pause ist es an Dramatik und großartiger Musik kaum zu überbieten.

Montavon gelingt es in ganz ausgezeichneter Weise, diesen Perspektivwechsel in eine inszenatorische Idee umzusetzen, die absolut stimmig ist. Und er hat die richtigen Partner dazu: einen genialen Maurizio Balò für das Bühnenbild, eine Frauke Langer für die imponierenden Kostüme, eine Joana Mallwitz, die das Orchester fordernd und sensibel dirigiert und einen Andreas Ketelhut, der Opernchor und Philharmonischen Chor so vorbereitet hat, dass wir eine große Chor-Oper erleben können. Die bislang genannten Akteure schufen den Rahmen und die Basis für die Solistinnen und Solisten des Abends. Sie waren allesamt einfach großartig, sowohl in klanglicher als auch in darstellerischer Hinsicht. Chapeau!