"…doch am schlimmsten ist der Mensch" Zur Premiere von "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" von Kurt Weill

Von Dr. Wolfgang Beesemah

Nein, das ist nicht das Stück zur Finanzkrise. Das war weder Brechts Schauspiel von 1927 noch die drei Jahre später in der Zusammenarbeit mit Weill entstandene Oper. Kein Geld zu haben ist der Makel und wird zum Verbrechen, auch in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität oder gerade dort. Als diese Spielzeit in der Planung war, wurde bei Lehman Brothers und Hypo Real Estate noch unbekümmert gezockt, die Banker waren die neuen Helden und ihre Boni galten als legitimes Zubrot.

Es ist ein Stück über menschliche Abgründe und abgründige Menschen. Der Stoff also, aus dem gutes Theater gemacht wird. Glaubhaft durchaus die Botschaft: Was ist schon die Wirkung eines Hurrikans im Vergleich zur Ambivalenz menschlichen Tuns?

Die Inszenierung von Philipp Himmelmann, in Erfurt durch Patrick Bialdyga szenisch umgesetzt, entgeht konsequent der Versuchung diese Oper als "Stück zur Zeit" vorzustellen. Sie bleibt richtigerweise zeitlos und verzichtet, anders als zuletzt die Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin, auf überflüssige Metaphorik. Beide vertrauen völlig zu recht auf die Wirkungsmächtigkeit des Brecht'schen Texts und der Musik Kurt Weills.

Auch Bühnenbild, Kostüme und Licht verzichten wohltuend auf billige Effekte und verschärfen dadurch die Dramaturgie dieser inzwischen klassischen Oper. Wieder einmal ist es die Leistung des Ensembles insgesamt, die es dem Publikum ermöglicht, die ganz und gar nicht leichte Kost aufzunehmen. Der Chor ist hier ausdrücklich zu erwähnen.

Karan Armstrong als Witwe Begbick agiert zwischen Fatty und Dreieinigkeitsmoses in jeder Szene glaubhaft. Marisca Mulder singt und spielt die Jenny Hill souverän. Die Männerstimmen im "Holzfäller-Quartett" sind durchweg hervorragend besetzt und spielen ihren jeweiligen Part überzeugend. Und dennoch ist es wohl der Abend von Erik Fenton als Jim Mahoney. Chapeau!

Allerdings kann die Besprechung des eindrucksvollen Theaterabends nicht enden ohne die Musiker des Philharmonischen Orchesters zu nennen. Was da einstudiert wurde kann sich hören lassen, ohne jegliche Einschränkung. Das war Spielfreude pur von Anfang an bis hin zum fulminanten Schluss. Für mich war es der "große" Abend des "kleinen" Orchesters. Ewald Donhoffer hat die Musiker mitgerissen und das Publikum auch.