Faust (Magarethe)

Von Günther Richter

Die Erfurter Inszenierung von Charles Gounods Oper „Margarethe“ macht zum einen deutlich, dass dieses „lyrische Drama“ zu Recht zu den erfolgreichsten Werken der Musikgeschichte gehört, und zum anderen ein beredter Ausdruck dafür ist, wie sinnvoll neue Zugänge zu traditionellen Stoffen sein können. Der große Gewinn der Aufführung liegt in ihrer Einheit von Musik und halbszenisch gebotenem Handlungsgeschehen. Durch dieses „Zusammenspiel“ offenbart sich auf völlig neue Weise, dass Gounods Oper einen der gelungensten Versuche darstellt, den Faust-Stoff in andere Kunstgattungen und Medien zu übertragen.

Benjamin Prins vermeidet es, dass sich die Musik in ihren eindrucksvollsten Stücken verselbstständigt. Er findet zu den Klängen die entsprechenden Bilder und fügt diese in ein durchdachtes, stimmiges Ganzes ein. Die den Zusammenhang betonende Inszenierungsidee zeigt sich auch in den bemerkenswerten, von Chor und Tänzern/Akrobaten getragenen Szenen, in denen sich die Gesamtaussage von Text und Musik in all ihrer Ambivalenz entfaltet: der Mensch als Akteur, als Beobachter, als sexuell Getriebener und als Liebe Suchender, aber auch als ein in der Masse aufgehendes, verführbares Geschöpf.

Im Rahmen des von innerer Spannung bestimmten Charakters des fünfaktigen Spiels geht es auf der Bühne zuweilen sehr lebhaft, geradezu ausgelassen zu. Dazu zählen die vom Chor meisterhaft gestalteten Auftritte wie der Volkschor, die  Walzerszene, das dramatische Kirchengeschehen sowie das intensiv dargebotene Schlussterzett zwischen Mephisto, Faust und Margarethe.

In der Beziehung zwischen Faust und dem durchweg dominierenden Mephistopheles wird der Marionettencharakter Fausts auch in der Kleidung sichtbar. Nur für einen Moment in der erwachenden Liebe zur Margarethe ist er ein selbstbestimmtes Wesen. Die in Gounods Version in den Mittelpunkt gerückte Gretchen-Tragödie findet in der Inszenierung eine herausragende, tief berührende Umsetzung.

Auch das Bühnenbild trägt zur Überschaubarkeit der Vorgänge bei: Hier wurden interessante Lösungengefunden, die nicht allein für sich stehen, sondern im Laufe der Aufführung mit all ihrer Symbolik als Bausteine eines „Gesamtkunstwerkes“ zur Geltung kommen.

Insgesamt überzeugen die Gestaltung der bis in den Orchestergraben erweitertenBühne (Hank Irwin Kittel) ebenso wie die Darbietung des im doppelten Sinne hohen Bühnenorchesters (Leitung: Jari Hämäläinen) und des Chores, der einfühlsam und schwungvoll gleichermaßen sowohl die heitere und sorglose Stimmung des Volksfestes als auch die „Errettung“ einfängt.

Aus der beeindruckenden Leistung des gesamten Solistenensembles ragen vor allem Ilia Papandreou als Marguerite, Vazgen Ghazaryan als Mephistopheles, Kartal Karagedik als Valentin und Dorothea Spilger als Siebel heraus. Deren darstellerische und gesangliche Qualität trägt ganz wesentlich dazu bei, dass die Premiere zu den herausragenden Ereignissen in dieser Spielzeit am Theater Erfurt zählen dürfte.