Andrea Chénier - Vive la république

von Dr. Hans Blasius

Den Opernhäusern in Deutschland haben, so kürzlich der Kritiker J. Brachmann in der FAZ, seit 1990 etwa drei Millionen Menschen den Rücken gekehrt. Glaubt man dem Ausnahmepianisten A. Schiff (NZZ v. 27.12.2014), dann liegt das auch am sog. Regietheater, bei dem sich der Spielleiter auf der Bühne ungehemmt austobe. Für das Erfurter Theater scheint dieser Befund jedenfalls dann nicht zu gelten, wenn es mit Aufführung wie dem „Andrea Chénier“ aufwartet, der am Samstag Premiere hatte. Der Plot, wie es heute auf Neudeutsch heißt, ist schnell erzählt: Am Vorabend der französischen Revolution begegnen sich der geschichtlich verbürgte französische Dichter André Chénier (strahlend: M. Heller) und die junge Adelige Maddalena (berückend: M. Valenzuela). Aus der Begegnung wird Liebe, die vor dem Hintergrund der Schreckensherrschaft der Jakobiner nach einigen Wirren und Intrigen auf dem Schafott endet. Im Spiel ist noch ein Nebenbuhler proletarischer Herkunft (stark: K. Karagedik als Gérard), der später großen Edelmut beweist. Für die Qualität des Textbuches steht L. Illica, aus dessen Feder etliche Libretti für Werke von G. Puccini stammen, u.a. für Tosca und La Bohème. Der Komponist, U. Giordano, wurde mit seinem „Chénier“ weltberühmt, und das nicht ohne Grund. Seine Musik, jener von Puccini verwandt, bietet eine wunderschöne Mixtur aus dynamisch-zündenden und lyrisch-betörenden Elementen. Das Orchester unter dem Dirigat von M. Benzi und der Chor unter der Leitung von A. Ketelhut werden allen Ansprüchen der hinreißenden Melodik gerecht, weil sie ebenso präzise wie zupackend spielen und singen. Nicht weniger Lob und Anerkennung verdienen nicht nur die drei vorstehend namentlich erwähnten Solisten, vielmehr das gesamte Ensemble, das sein gesangliches Potential eindrucksvoll entfaltet.

Anders als vorzeiten erwarten Zuschauer und Zuhörer heute von einer gelungenen Vorstellung neben einer tadellosen musikalischen Darbietung obendrein besondere Leistungen von Inszenierung und Ausstattung. Dieser Anforderung entspricht das vom Regisseur geleitete Produktionskollektiv in jeder Hinsicht. G. Montavon verzichtet auf Exzentrik und Experimente, wozu derzeit eher Mut gehört (s.o.), und führt die Sänger gekonnt durch die Handlung, indem er die einzelnen Rollencharaktere sowie die Aktionen des Chors und der Statisterie treffsicher herausarbeitet. Das dekorative, facettenreiche Bühnenbild (E. Sanchi) und die farbenprächtigen, historisch inspirierten Kostüme (R. Thiel) ergänzen sich in idealer Weise und harmonieren mit der üppigen Musik sowie dem turbulenten Geschehen auf den Brettern. Insgesamt wird eine in sich schlüssige, überzeugende und deshalb zu Recht mit viel Applaus aufgenommene Aufführung präsentiert, die nicht zuletzt wegen ihrer Seriosität und Solidität als im besten Sinne bürgerlich-republikanisch bezeichnet werden kann. Wenn das Theater Erfurt auf diesem Weg und Niveau fortschreitet und dabei das deutschsprachige Repertoire nicht vernachlässigt – man darf in dem Zusammenhang schon heute auf den „Freischütz“ und „Die Meistersinger von Nürnberg“ gespannt sein, dann wird das Haus im Brühl entgegen dem allgemeinen Trend auch künftig keinen Exodus des Publikums zu beklagen haben.