Wozzeck – „Der Diskurs hat mich ganz angegriffen.“

Wozzeck – „Der Diskurs hat mich ganz angegriffen.“

Julian M. Volk

Beengt öffnet der erste Akt von Alban Bergs Oper in der Erfurter Inszenierung. Fünf Charaktere drängen sich in den rotierenden Gefängniszellen einer frühmodernen Gesellschaft. Das Bühnenbild greift dazu die düsteren Farben des Expressionismus auf und ein schwaches Licht strömt durch die Glasbausteine ein. Es erinnert unweigerlich an die nahe gelegene Gedenkstätte Andreasstraße. In den Zellen werden die immer wiederkehrenden, in Charaktere gegossenen Motive des Abends vorgestellt: Macht und Moral.

Der glänzend portraitierte, schizophrene Soldat Wozzeck (Máté Sólyom-Nagy) lässt den Zuschauer in eine innere Zerrissenheit blicken, während zwei, sich ergänzende Duos, die menschlichen Abgründe der Gesellschaft um Wozzeck verhandeln. Der Hauptman (Erik Biegel) misshandelt seelisch, begleitet von kasteiend-jaulenden Halbtönen, während der Doktor (Vazgen Gazaryan) für das körperliche Traktieren zuständig scheint. Sie bilden im Verlauf ein illustres, fast komisches Paar, das geeint darin scheint, Recht haben zu wollen und allein damit zu bleiben. Die rotbemundete Marie (Séphanie Müther) und der stolzierende Tambourmajor (Thomas Paul) kokettieren und tanzen sich durch ein von raufenden Handwerkern bevölkertes Wirtshaus, bevor sie gemeinsam durch die schräg gerahmte Psyche von Wozzeck geistern. Umgeben sind sie dabei vom Opernchor, der sie beim Schwanken zwischen Realismus und Irrsinn im Kopf des Protagonisten begleitet. Die Sänger brillieren allesamt mit ihren mühelosen Wechsel zwischen gesprochenem und gesungenem Wort.

Das weite Aufbrechen des Bühnenbildes mit Beginn des dritten Akts kommt einer Erlösung gleich. Begleitet wird diese nicht etwa durch das phantasierte Pauken der Freimaurer in der Tiefe, sondern dem Philharmonischen Orchester, geleitet durch Joana Mallwitz, die dann auch wie befreit scheint und die weiten Schwingen erhebt, um durch die Anfänge der Zwölftontechnik zu führen. Das Ensemble hat nun Raum, um das Publikum zum unausweichlich scheinenden Höhepunkt zu geleiten, der skizzenhaft aber eindringlich gestaltet wird.

Bergs Ziel in Fortschreibung der Büchnerschen Fragmente, so scheint es, ist die Rührung. Und so verwundert es kaum, dass die Inszenierung mit einem fast versöhnlichen Ende aufwartet. Denn obwohl das Ende durch kleine Kopien, der im ersten Akt vorgestellten Charaktere bestritten wird, bleibt die Hoffnung auf die Gerechtigkeit der kommenden Gesellschaft.